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Mohamed Idrissi: Warum sprechen wir von Mord?

Mohamed Idrissi wurde am 18. Juni 2020 von Polizist_innen bedroht. Einerseits dadurch, gegen seinen Willen an einen anderen Ort gebracht zu werden, andererseits durch gezogene und auf ihn gerichtete Waffen und aggressive Kommunikation. Mohamed Idrissi starb an den Folgen dieses Polizeieinsatzes.

Aber warum war das nötig?

Warum hatten die Polizist_innen kein Interesse daran, sich deeskalierend zu verhalten? Warum sind sie auf die Angebote der Nachbar_innen, Mohamed zu beruhigen, nicht eingegangen? Warum lag ihnen nichts daran auf den bereits gerufenen Arzt des Sozialpsychatrischen Dienstes zu warten? Was wollten sie sich beweisen? Und ihren Chefs?

Mord ist nach § 211 des Strafgesetzbuches ein heimtückisches, mit Vorsatz geplantes Verbrechen. Und obwohl es Urteilsbegründungen gibt, bei denen das Tragen einer Waffe bereits als Teil des Vorsatzes gesehen wird, zu töten, werden diese nicht für Polizeibeamt_innen angewandt. Es ist klar, vor Gericht wird es niemals verwertbare Beweise geben, die belegen werden, dass Mohamed Idrissi ermordet worden ist. Laut Gesetz war es kein Mord. Dennoch umschreibt Mord das, was die Hinterbliebenen fühlen. Es macht deutlich, dass es absolut unnötig war. Warum also schrecken wir vor dem Begriff zurück, warum fühlen wir uns unwohl ihn zu verwenden? Warum wollen wir die Gefühle der Angehörigen nicht anerkennen und weitertragen?

Macht es den Tod von Mohamed Idrissi besser, wenn es kein Mord war? Macht es das besser, wenn wir es als einen unglücklichen Unfall sehen, für den doch niemand eine Schuld trifft (am ehesten noch Mohamed, der versuchte sich mit einem Messer gegen vier mit Pistolen bewaffnete Polizist_innen zu verteidigen)? Versuchen wir uns damit die Weste reinzuwaschen um nicht zu erkennen, dass wir ein Polizeiproblem haben?

Von Mord zu sprechen ist keine objektive, anerkannte Handlung. Aber durch wen soll uns das zugesprochen werden? Etwa durch Gerichte und Behörden, die auf ihre Art und Weise mitschuldig sind? Die in ein rassistisches Gebinde verwoben sind, in ein Gebinde, das Menschen, die nicht zur Leistungsgesellschaft gehören, am liebsten ausblendet, abschiebt, ausgrenzt, einsperrt oder tötet?

Mord ist ein starkes Wort, aber genau das braucht es, damit wir verstehen, was in Gröpelingen passiert ist. Mohamed ist den Beamt_innen nicht aus dem Nichts mit einem Messer erschienen. Es gibt eine Vorgeschichte. Es gibt einen Weg bis zum Abfeuern der Kugeln und dieser Weg hatte sehr viele mögliche Abzweigungen. Aber die beteiligten Menschen haben sich an jeder einzelnen Abzweigung entschieden, in eine bestimmte Richtung weiter zu gehen. 

Angefangen mit der ESPABAU, die entschieden hat, Mohamed sei eine Zumutung und nicht länger geduldet in ihrer Wohnung; dann die Menschen, die es als ihren Job ansehen anderen Menschen ihre wenigen Habseligkeiten in einen Anhänger zu laden und zu entsorgen, oder die Menschen, die die Nachbar_innen nicht als machtvolle Akteur_innen gesehen, sondern ignoriert haben; die Menschen, die Mohamed unablässig angeschrieen haben. Der Mensch, der Mohamed Pfefferspray ins Gesicht sprühte und ihn damit endgültig aus der Bahn geworfen hat und der Mensch, der schlußendlich schoss. Aber auch all die Menschen, die immer noch Entscheidungen treffen und die Mohamed und seine Angehörigen verhöhnen und ihnen ihre Würde absprechen. Wie zum Beispiel die Staatsanwaltschaft, die entscheidet, keine weiteren hilfreichen Informationen zu liefern und keine Konsquenzen zu ziehen. All diese Menschen hatten und haben die Möglichkeit anders zu handeln. Doch sie haben sich entschieden und entscheiden sich immer wieder für ihren Weg. Sie sind Teil eines gesellschaftlichen Systems, das Polizeigewalt für normal erachtet, für notwendig. Ein System, das Menschen ihre Würde absprechen und gewalttätig handeln kann. 

Polizei gibt es, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der der Schutz des Eigentums und die Sortierung von Menschen als Teil oder nicht-Teil einer Nation normal ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Erwirtschaften von Gewinn und Wachstum ausschlaggebend ist für die Berechtigung, ein halbwegs würdevolles Leben führen zu können. Einer Gesellschaft, die den einzelnen Menschen nicht per se als wertvoll erkennt, sondern erst dann, wenn er etwas „leistet“. Und all diejenigen, die nicht leisten, die nicht zahlen, ja, die sich anders in der Welt verhalten, die seelisch aus dem Gleichgewicht sind, die bestimmte Bedürfnisse haben, die von denen der Mehrheitsgesellschaft abweichen, die anders aussehen, sind weniger wert und dürfen ohne Konsequenzen entfernt werden!? Wir sagen nein!

Nicht ein einzelner Polizist hat Mohamed Idrissi ermordet, sondern diese Gesellschaft, diese Politik, wir, die schweigen, haben Mohamed ermordet und es werden weitere Menschen sterben, wenn wir nicht endlich etwas ändern. 

Wenn wir weiter akzeptieren, dass es die Polizei ist, die unsere Probleme löst.

Wenn wir weiter akzeptieren, dass Wohnraum eine Ware ist, die es sich zu verdienen gilt.

Wenn wir das Schweigen der Behörden und Institutionen akzeptieren und den Fall Mohamed ebenfalls zu den Akten legen.

Aber das werden wir nicht tun. Denn: Mohamed Idrissi – das war Mord.

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